Karneval nach Sylvester 2016 - ein paar Beobachtungen
Als ich 2014 mit der Kampagne KonsensKarneval startete, schien sexualisierte Gewalt an Karneval für die angeschriebenen Stellen entweder kein Thema zu sein, oder sie antworteten auf meine Mails aufgrund von z.B. zu hoher Arbeitsbelastung nicht (z.B. Beratungsstellen). Die Polizei Köln meldete sich telefonisch bei mir, tat aber auf Nachfragen (gibt es Maßnahmen an Karneval, die sexualisierte Gewalt verhindern? Wie ist die Datenlage bezüglich Anzeigen etc.? Welche Hilfsangebote bestehen seitens der Polizei und gibt es dafür geschultes Personal?) so, als ob sie nicht wüssten, wovon ich rede.
Nach Sylvester 2016 ist vieles anders. Aber auch hier scheint die Problemlage nicht ganz erkannt zu sein und vor allen Dingen mit den selben Methoden behandelt zu werden, wie ehedem: Präventionstipps für Frauen, Sicherheits"points" an die sich betroffene Frauen wenden können (also dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist!) etc. Hinweise für Männer? Aufrufe, dass man sein Gegenüber bei sexuellen Handlungen um Einverständnis fragt? Fehlanzeige. Die Verantwortung und Last, mit sexualisierter Gewalt an Karneval umzugehen, bleibt bei den Frauen.
Ein dicker Kritikpunkt: Es scheint, als ob man an Karneval mit Formen sexualisierter Gewalt rechnet, wie sie Sylvester geschah: Auf offener Straße von mehreren Männern ausgehend. Ich kenne etliche Frauen, die an Karneval sexualisierte Gewalt und Übergriffe erlebt haben. In Kneipen, auf der Straße bei den Umzügen, von Bekannten und von Fremden. Auch vor Sylvester war sexualisierte Gewalt an Frauen keine Ausnahme. Securitypoints sind sicher hilfreich, aber warum gibt es keine Präventionsmaßnahmen für Männer? Die Frauenberatungsstellen verteilen Flyer, die alle Kontaktstellen für von (sexualisierter) Gewallt betroffenen Frauen mit Telefonnummern aufführen. Das ist wichtig. Aber warum verteilt niemand Flyer mit Aufforderungen an die Männer, wie man sich im Karneval verhalten soll? Und damit mein ich nicht nur mögliche Täter, sondern auch die stillen Zuschauer und Mitwisser.
Karneval ist es so: Da wird offen auf der Tanzfläche oder an deren Rändern geknutscht. Da wird auf offener Straße, an Häuserwänden oder in Häusereingängen wild gefummelt und manchmal noch mehr. Ich bin da nicht moralisch, wenn alle Beteiligten daran Spaß haben - bitteschön.
Manchmal erkennt man nicht, ob da einvernehmliche Handlungen vor sich gehen, manchmal schon. Im ersten Fall kann man sich einmischen und mal nachgucken/-fragen, intervenieren. Vielleicht stört man dabei wirklich kurz ein einträchtig fummelndes Pärchen, das sich dann in den nächsten Häusereingang zurück zieht oder zu Hause weiter macht. Vielleicht verhindert man dadurch auch Schlimmeres.
Wenn Du (Typ) also Karneval feierst, schau genauer hin: Schick Deinen betrunken Kumpel, der sich Frauen gegenüber so arschig verhält mit dem Taxi nach Hause. Sag dem Typen, der offensichtlich die ignorierenden Blicke seines weiblichen Gegenübers nicht versteht, er solle sein Glück woanders probieren. Wenn Du selber unter Alkohol nicht mehr weißt, was Du tust lass das Trinken oder bleib zu Hause. Nein, die sexy Katze oder WonderWoman haben ihr Kostüm nicht an, damit Du mal ins Dekollete greifen darfst ohne zu fragen. Wenn Du siehst, dass Typen Frauen belästigen, hole Hilfe, informiere die Security und sie nicht einfach weg.
Eine weitere interessante Beobachtung, die ich mache hängt mit der Presse zusammen: Aus dem Ausland kamen in den letzten Wochen mehrere Interviewanfragen, ob ich was zu Karneval und den Sylvestervorfällen sagen möchte. Aus Italien, Kanada, England und der Schweiz. Deutsche Presse oder gar Lokalblätter? Fehlanzeige. An Karneval will man nicht rütteln, Karneval ist heilig.
An alle Frauen*beratungsstellen und Polizeidienststellen in den Karnevals- und Faschingsgebieten:
Wie ist das in der Karnevalszeit? Werden Euch mehr sexuelle Übergriffe in dieser Zeit gemeldet? Wie ist der Umgang mit Meldungen sexueller Übergriffe in den Beratungsstellen, welche Erfahrungen habt ihr in den Beratungsstellen mit der Polizei zu diesem Thema gemacht?
Für die Aktion “KonsensKarneval - Mein Kostüm ist keine Einladung” möchte ich ein möglichst breites Bild zu diesem Thema bekommen und sammele darum verschiedenste Sichtweisen und möchte möglichst viele Daten zusammen tragen.
Kennt ihr Präventionskampagnen der Polizei, die sich speziell mit diesem Thema auseinandersetzen?
Ich sammle auch grade Mails und Ansprechpartner_innen der Beratungsstellen & Polizeistellen in den Karnevals-/Faschingsgebieten und hoffe aber hier rüber weitere Informationen zu erhalten.
Teilt den Aufruf oder schreibt mir Eure Erfahrungen oder Insiderwissen an konsens.karneval AT gmail DOT com
Das Oktoberfest naht, und wer statt Karneval lieber auf dem Oktoberfest feiert (jedenfalls jetzt im Herbst) - der_dem sei diese Kampagne ans Herz gelegt, die für KonsensKarneval als Vorbild diente.
Wer einen Menschen vergewaltigt, macht sich strafbar - sollte man meinen. Doch juristisch ist das in Deutschland nicht so eindeutig. Eine Konvention, die Opfer von Sexualdelikten besser schützen soll, hat Deutschland bislang nicht ratifiziert.
traurig, wirklich traurig…
Things that cause rape
No means no - und “nein” muss nicht immer ein wort sein!
Zitat aus dem Artikel: >> Zacharias Brooks*, einer der Tennisspieler, fühlt sich angesprochen: “Wir sind echt nicht die schlimmsten im Tennisclub, trinken viel, aber machen keinen richtig großen Mist. Trotzdem hatte ich hier an der Uni schon ein paar Mal so eine Situation, in der ich mich gerne anders verhalten hätte. Zum Beispiel wenn ein Kumpel von mir ein bisschen zu hart mit einem Mädchen umgeht und ich sehe, dass ihr das nicht gefällt. Dann hätte ich gerne früher eingegriffen. Aber das ist echt schwierig, man will ja auch seinem Freund nicht in den Rücken fallen. Jetzt habe ich mir vorgenommen, gleich wenn ich so etwas sehe, zu sagen ‚Hey, man, lass mal unser eigenes Ding machen’ und ihn wegzuziehen.” <<
facebook & twitter
natürlich sind wir auch auf facebook und twitter (@konsenskarneval) ^^
About/Über “KonsensKarneval”
Während der Karnevals- und Faschingszeit passieren viele sexuelle Übergriffe. Präventionskampagnen richten sich in der Regel an die “Opfer”, in der Regel Mädchen und Frauen: “Trink nicht zu viel” - “Das ist aber auch ein einladendes (sic!) Kostüm” - “Geh immer in Begleitung, nicht alleine” usw. Wir finden, das darf nicht sein! An einem sexuellen Übergriff oder einer Vergewaltigung sind NIE die Opfer/Betroffenen Schuld. Ein Kostüm ist keine Einladung!
Auf diesem Tumblr-Blog möchten wir Erfahrungsberichte sammeln, von betroffenen Mädchen/Frauen, aber vor allem auch den Blick auf diejenigen richten, die die Übergriffe verursachen. Darüber hinaus interessieren uns Präventionskampagnen der lokalen Polizeidienststellen, die Berichterstattung in den Medien und wir wollen Motive sammeln, die man auf Postkarten drucken kann, um sie während des Kneipenkarnevals verteilen kann.
Ideen, Anregungen, Erfahrungsberichte und Co. bitte an: konsens.karneval@gmail.com oder mit dem hashtag #konsenskarneval